QUEERKRAM

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Queer.de präsentiert den queeren Podcast mit Nollendorfblogger Johannes Kram

Julia Shaw - Warum wir endlich über Bisexualität reden müssen

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Julia Shaw, die mit "Bi" das erste populäre Sachbuch über Bisexualität veröffentlicht hat, spricht über Angst vor Fluidität, Doppeldiskriminierung, das Schaffen von Sichtbarkeit und ihren persönlichen „Bi-Look“.

Die gesellschaftliche Diskussion über Bisexualität hinkt der Debatte über Homosexualität etwa 30 Jahre hinterher, sagt Julia Shaw im neuen QUEERKRAM-Podcast von Johannes Kram. Für ihre These hat die in London lebende Psychologin und Autorin einen sehr überzeugenden Beweis: Ihr neues Werk "Bi - Vielfältige Liebe entdecken", erschienen vor knapp zwei Wochen bei Hanser, ist das allererste populäre Sachbuch zum Thema überhaupt. Tatsächlich hat sich nie zuvor ein Verlag aus wissenschaftlicher Perspektive mit Bisexualität beschäftigt. Zum Vergleich: Der Klassiker „Der gewöhnliche Homosexuelle“ von Martin Dannecker und Reimut Reiche erschien bereits 1974.

Shaws bahnbrechendes Buch, das bereits in mehrere Sprachen übersetzt wurde bzw. wird, steht denn auch im Mittelpunkt des Podcasts. Die Autorin, 1987 in Köln geboren und in Kanada aufgewachsen, ist selbst bisexuell. Sie habe „Bi“ geschrieben, weil ihr im eigenen Leben ein solcher „Atlas der Bi-Welt“ gefehlt habe, sagt sie im Gespräch mit Johannes Kram. Und weil es höchste Zeit gewesen sei, die zahlenmäßig „größte sexuelle Minderheit“ in Geschichte, Kultur und Wissenschaft endlich sichtbarer zu machen.

Tatsächlich gibt es deutlich mehr Menschen, die sich zu mehr als einem Geschlecht hingezogen fühlen, als „hundertprozentige“ Lesben und Schwule – doch die meisten Bisexuellen sind nicht out. Nicht in der Beziehung, nicht im Freundeskreis und schon gar nicht am Arbeitsplatz. Bisexuelle versteckten ihre sexuelle Orientierung doppelt so häufig wie Homosexuelle, zitiert Julia Shaw aus Studien. Und versucht Antworten zu geben, warum dies so ist.

Die Psychologin beklagt eine Doppeldiskriminierung und sieht das größte Problem in der gesellschaftlichen Biphobie. Ganz bewusst spricht sie von einer Phobie und nicht von Feindlichkeit. „Die Menschen haben Angst vor der Fluidität“, erklärt Shaw. „Wir schließen uns sehr ein in diese monosexuellen Identitäten.“ Als bisexuelle Frau habe sie sich oft gefragt, wo sie überhaupt hingehöre.

Leider ist auch die queere Community nicht unbedingt ein Safe Space für Bis. Trotz aller Floskeln, die wir zum CSD oder zum IDAHOBIT hören, fallen sie und ihre Anliegen oft unter den Tisch. Julia Shaw legt sogar noch einen drauf: „Biphobie erleben wir vor allem in der queeren Community“, beklagt sie Podcast. Während Heteros bisexuellen Menschen oft mit einer „Hypersexualisierung“ begegneten („Du willst es mit jedem, du kannst ja nicht treu sein“), reagierten Lesben und Schwule häufiger mit offener Ablehnung. Bisexuelle würden als Eindringlinge betrachtet oder belächelt als Personen in einer „Phase“ auf dem Weg zum „richtigen“ Coming-out. Sie selbst fühle sich in Lesbenbars als „Touristin“.

In dem sehr lebendigen wie spannenden Podcast erklärt die Autorin außerdem, warum der Begriff „bisexuell“ nichts mir Binarität zu tun hat und Liebe zu nichtbinären Personen keineswegs ausschließt, warum das Wort selbst in einer queeren Serie wie „Orange Is the New Black“ als „dreckig“ gilt und warum Katy Perrys Song „I Kissed a Girl“ alles andere als emanzipatorisch ist. Shaw berichtet von ihren Bemühungen, auch im Privaten als bisexueller Mensch sichtbar zu sein und ihren persönlichen, „nicht-heteronormativen“ Bi-Look zu kreieren.

Trotz der teils scharfen Kritik ist „Bi“ keine Abrechnung mit der queeren Community, sondern eine freundliche Einladung zum Dialog. Mit viel Feuer appelliert Julia Shaw an ihre Leser*innen, über ihren Umgang mit bisexuellen Menschen, über Vorurteile, Ängste sowie auch über die eigene sexuelle Identität nachzudenken. Im Gespräch mit Johannes Kram sagt sie: „Ich hoffe, dieses Buch trägt dazu bei, dass sich Menschen wirklich neue, frische Fragen stellen, auch wenn ihre Identität am Ende dieselbe bleibt.“
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Micha Schulze, queer.de - 28. Mai 20

Benedikt Wolf und Harm-Peter Dietrich über § 175 und ein verschollenes Buch

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Literaturwissenschaftler Benedikt Wolf und der Zeitzeuge Harm-Peter Dietrich sprechen über Felix Rexhausens Buch „Zaunwerk“, das Anfang der 1960er Jahre keinen Verlag fand.

Der junge Literaturwissenschaftler Benedikt Wolf hat einen echten Schatz entdeckt. Im Schwulen Museum in Berlin blickte er offenbar als erste Person in den Nachlass des 1992 gestorbenen Schriftstellers Felix Rexhausen - und stieß völlig unerwartet auf den Durchschlag eines Typoskripts für den wohl ersten schwulen Roman der Bundesrepublik.

„Zaunwerk. Szenen aus dem Gesträuch“ heißt das schonungslos ehrliche Buch über das Leben homosexueller Männer in der alten Bundesrepublik zwischen Paragraf 175 und Cruisingpark, zwischen Razzia, Versteckspiel und Klappe. Rexhausen schrieb es Anfang der 1960er Jahre unter Pseudonym. Wie Wolf mittlerweile herausfand, lehnte ein großer Publikumsverlag damals die Veröffentlichung ab. Erst mit fast 60 Jahren Verspätung ist „Zaunwerk“ Ende letzten Jahres in der Bibliothek rosa Winkel des Männerschwarm Verlags erschienen, am 17. Mai folgt eine von Schauspieler Klaus Nierhoff eingesprochene Hörbuchfassung.

Höchste Zeit also, sich dieser „literarischen Sensation“ (Tilman Krause in „sissy“) einmal genauer zu widmen. Johannes Kram hat dafür in seinem QUEERKRAM-Podcast nicht nur Benedikt Wolf zu Gast, sondern auch den 86-jährigen Zeitzeugen Harm-Peter Dietrich, der das schwule Leben in den 1960er Jahre hautnah miterlebt hat. „Wenn ich das damals gelesen hätte, hätte ich es kaum glauben können“, sagt Dietrich über Rexhausens Roman. „Ich war von den Socken, ich hatte das alles so erlebt.“

Der Journalist Felix Rexhausen arbeitete u.a. für den „Spiegel“ und den WDR, war Mitbegründer von Amnesty international Deutschland und veröffentlichte u.a. den schwulen Roman "Lavendelschwert" (1966) und den homoerotischen Erzählband "Berührungen" (1969). In „Zaunwerk“ beschreibt er mit genialer Selbstironie die Cruisingrituale homo- und bisexueller Männer in Parkanlagen und rund um öffentliche Toiletten – damals die fast einzige Möglichkeit, jemanden für zehn Minuten oder länger kennenzulernen. „Choreografie des Begehrens“ nennt Benedikt Wolf das oft stundenlange nächtliche Herumgerenne und -gegucke, bei dem man nie zu viel, aber auch nie zu wenig Interesse zeigen durfte.

Auch er sei oft „auf den Zwitsch“ gegangen, erzählt Harm-Peter Dietrich im Podcast. Über seine heimlichen Ausflüge in die „Pissbudenszene“ habe er sich zum einen geschämt, zum anderen habe er dort Freunde und Bekannte treffen können, um mit ihnen über andere „Klappenhuren“ zu lästern. Allein die Suche an diesen verbotenen Orten hatte damals für ihn eine soziale wie lustvolle Komponente, die heute im Zeitalter vom Grindr verloren gegangen sei.

So wie vereinzelte Männer damals über ihre Vereinzelung zusammenfanden, vernetze Rexhausen in „Zaunwerk“ auch die einzelnen, meist in sich abgeschlossenen Kapitel, analysiert Benedikt Wolf. Der Literaturwissenschaftlicher und der Zeitzeuge ergänzen sich hervorragend in dem Gespräch. Sie ordnen Rexhausens Beobachtungen aus den 1960er Jahren ein und arbeiten heraus, welche Strukturen auch heute noch im schwulen Alltag eine Rolle spielen. Im Podcast sprechen sie über historisches Erinnern und homosexuellen Selbsthass, die Gefahren, die damals von Polizei und Strichern ausgingen, über Mundpropaganda als einzige Informationsquelle, die Unterschiede zwischen einzelnen deutschen Städten und das damals übliche Siezen in den Homobars - in „Zaunwerk“ duzen sich die Schwulen nur beim Sex.

Was wäre wohl passiert, hätte Rexhausens Buch Anfang der 1960er Jahren doch einen Verlag gefunden? Hätte es ein früherer Startschuss für die westdeutsche Schwulenbewegung sein können als Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers…“? Oder hätte es die staatliche Repression eher noch verschärft?

Kerstin Ott über lesbische Liebe im deutschen Schlager

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Die Schlagersängerin Kerstin Ott spricht über ihr neues Lied „Der Morgen nach Marie“, das gemeinsame Feiern von Schwulen, Lesben und Heteros sowie die Last, ein Vorbild zu sein.

Es ist vermutlich kein großes Geheimnis, dass bei den Redaktionspartys von queer.de gerne Schlager aufgelegt wird. Neben Nana Mouskouri und Rex Gildo befindet sich seit einigen Jahren auch Kerstin Ott in der Playlist, ihre Songs können vom Anzeigenleiter bis zum Chefredakteur wirklich alle mitsingen. „Kommt, lasst uns die Welt bemalen in Regenbogenfarben!“ - dieses Ziel haben wir uns als „Zentralorgan der Homo-Lobby“ schließlich ebenfalls auf die Fahnen geschrieben.

Entsprechend groß ist die Aufregung, als ich in unserer täglichen Videokonferenz den neuesten Podcast-Gast von Johannes Kram ankündige. Bevor am Freitag eine Deluxe-Edition ihres Albums "Nachts sind alle Katzen grau" mit sechs nagelneuen Songs erscheint, hat Kerstin Ott nämlich im QUEERKRAM-Studio vorbeigeschaut. Eine ganze Stunde lang spricht sie über ihre sagenhafte Karriere, die teils sehr ernsten Themen ihrer Hits, ihre Vorbildfunktion und ihr Verhältnis zur queeren Community.

Auch Johannes Kram ist etwas aufgewühlt, hat er doch beim Pre-Listening des neuen Albums den Song „Der Morgen nach Marie“ entdeckt. Eine „Sensation“, stellt er im Podcast fest, „die erste lesbische Liebesnacht im deutschen Schlager“. Tatsächlich geht es in dem Gute-Laune-Stück um eine Herzensbrecherin in einer Bar, die erst mehreren Männern den Kopf verdreht, bis sich Ott mit einem wunderbaren Twist in der letzten Strophe outet:

Ich war selbst in sie verliebt.
Manchmal denk ich nach,
was hab‘ ich falsch gemacht,
dass es bei einem Abend blieb.
Das ist der Morgen nach Marie,
so viele Tränen sah ich nie.

Während sich Johannes Kram sehr darüber freut, dass künftig auch Heteros diese neue queere Hymne mitsingen werden, spielt die 40-Jährige die Bedeutung des Songs herunter. „Das Lied ist nicht autobiografisch“, stellt Ott klar, die sexuelle Orientierung spiele keine Rolle. „Jeder hat schon so eine witzige Situation erlebt, dass der eine an dem einen Abend gedacht hat, heute bin ich der King, und am nächsten Tag war er todtraurig, dass es nicht so war, wie er es sich vorgestellt hat.“ Während „Der Morgen nach Marie“ Kram echte „Glücksmomente“ schenkt, meint die Sängerin: „Jeder interpretiert den Song ja auch für sich neu und anders und auf seine Art und Weise.“

Warum so zurückhaltend? Kerstin Ott verweigert sich weiblichen Klischees im Schlagerbusiness, sie hat ihren queeren Song „Regenbogenfarben“ im Duett mit Helene Fischer gesungen und als erste Teilnehmerin bei „Let’s Dance“ mit einer gleichgeschlechtlichen Partnerin getanzt. Sie ist ein Vorbild für viele Queers, doch in dieser Rolle scheint sie sich nicht besonders wohlzufühlen. Sie habe immer aus „meinem Herzen heraus“ gehandelt, nicht um ein Statement zu setzen, sagt sie im Podcast. Sie wolle keine Oberlehrerin sein. Ott gibt aber auch zu: „Ich habe Angst davor, dieser Verantwortung nicht gerecht zu werden.“

In dem Gespräch mit Johannes Kram geht es außerdem um Gesangsunterricht in der Pandemie, die Entstehungsgeschichte ihrer Songs, ihren Umgang mit Hasskommentaren, ein mögliches Duett mit Patrick Lindner, ihre Regenbogenfamilie und ihr breit gefächertes Publikum. Ob sie beim CSD auftritt oder im ZDF-Fernsehgarten, das macht für Kerstin Ott keinen großen Unterschied: „Ich mag es einfach gerne, wenn die Leute feiern und fröhlich sind und sich dem Ganzen hingegeben können.“

Schubladendenken und Ausgrenzung sind ihr zuwider. Das Gemeinsame und Verbindende, das sie in ihren Schlagern besingt, wünscht sich Ott auch selbst. Dabei sieht sie Toleranz-Defizite nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der queeren Community. „Können wir nicht alle zusammen feiern?“, fragt die Berlinerin und erzählt, dass sie selbst gar keine Lesbenkneipen mehr brauche. Nicht mal zum sicheren Anbaggern, will der verwunderte Johannes Kram wissen. „Das sehe ich ja sportlicher,

Inga Pylypchuk und Wanja Kilber über LGBTI in Putins Krieg und wie wir helfen können

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Inga Pylypchuk und Wanja Kilber erklären, wie es zum russischen Überfall auf die Ukraine kommen konnte, wie sich die Lage queerer Menschen in beiden Ländern entwickelt hat, wie man helfen kann und warum in Kiew auch unsere Freiheit verteidigt wird.

Der russische Angriff auf die Ukraine hat die Welt und auch die Stimmung in unserer Redaktion verändert. Ich selbst habe mich kurz gefragt, wie wir – business as usual – jetzt über queere Streaming-Serien, fröhliche Eurovision-Liedchen oder homofeindliche Schmierereien in der Provinz berichten können, wo doch mitten in Europa Bomben fallen. Wir machen weiter unseren Job, aus gutem Grund, und informieren zusätzlich u.a. ausführlich über die Hilfsangebote für die queeren Opfer der Invasion.

Auch Johannes Kram hat einen neuen QUEERKRAM-Podcast aufgenommen. Seine 32. Folge fällt aus der Reihe, denn sie stellt keine Person, sondern den russischen Überfall auf die Ukraine, dessen Vorgeschichte und die Folgen in den Mittelpunkt. Mit der ukrainischen Journalistin und Filmemacherin Inga Pylypchuk und dem aus Russland stammenden Aktivisten und Co-Gründer von Quarteera Wanja Kilber hat er dafür zwei hochkompetente Gäste gefunden. Sie sind sehr nah dran am Geschehen und können es doch mit dem Abstand in Deutschland lebender Migrant*innen reflektieren.

Seit Kriegsbeginn hat sich das Leben von Inga und Wanja komplett verändert, seit drei Wochen fanden sie nur wenig Schlaf. „Emotional ist es eine Hölle“, erzählt die Journalistin, die viele Freund*innen in der Ukraine hat und ihrer eigenen Mutter zur Flucht verhalf. „Ich empfange jeden Tag jemanden in Berlin, und jeden Tag sprechen wir über die Kriegserlebnisse.“

Wanja engagiert sich bei der Geflüchteten-Hilfe von Quarteera, vor dem Podcast-Gespräch war er am Berliner Hauptbahnhof. „Helfen hilft“, sagt er gleich mehrfach im Podcast. „Die Hilfsbereitschaft ist enorm, das hilft mir einzuschlafen.“ Allein durch das Engagement von Quarteera haben laut Wanja bereits 175 Menschen und 18 Haustiere ein temporäres Zuhause gefunden, parallel schickt das Queere Bündnis Nothilfe HIV-Medikamente und Hormonpräparate für trans Menschen, beides mittlerweile Mangelware, in die Ukraine.

„Schlimmer als alle Alpträume“, nennt Inga die Situation in ihrer früheren Heimat. „Wir hatten das Gefühl, dass sich das Land in die richtige Richtung entwickelt.“ Die Akzeptanz queerer Menschen sei seit Jahren gestiegen, der Staat habe sich schützend vor LGBTI-Paraden gestellt – ganz anders als in Russland, wo es schlimmer geworden sei. Putin habe Queerfeindlichkeit gezielt genutzt, um das Land hinter sich zu vereinen, analysiert Wanja, der schon vor Jahren gegen die „Homo-Propaganda“-Gesetze protestierte.

Für beide ist Putins Russland heute ein „faschistischer Staat“, dem nicht zu trauen sei, der von nichts zurückschrecke, der mit friedlichen Mitteln nicht gestoppt werden könne. Unterdrückung von LGBTI und der Überfall auf ein Nachbarland sind für Inga und Wanja zwei Seiten einer Medaille. Von EU und Nato fordern sie deshalb mehr Engagement, etwa eine Flugverbotszone. „Die Ukrainer*innen verteidigen auch unsere Freiheit und unsere Werte“, mahnt Inga. „Die Deutschen haben den Ernst der Lage nicht verstanden.“ Er freue sich schon auf Rote-Beete-Partys nach Putins Tod, gibt Wanja einen Hinweis, wie er sich eine Ende des Kriegs vorstellt.

Im Podcast geht es ausführlich um die Situation in Mariupol, das für Inga einst „zweite Heimatstadt“ war, um angebliche Todeslisten mit den Namen von LGBTI-Aktivist*innen, um queere Kämpfer*innen mit Regenbogenaufkleber auf dem Maschinengewehr und den „doppelten Krieg“ queerer Ukrainer*innen, die sich auf der Flucht outen müssen oder als trans Frau das Land nicht verlassen dürfen, weil im Pass ein Männername steht.

Um eine der wichtigsten Fragen geht es am Schluss im Podcast : Wie kann man helfen? (...)
Micha Schulze, queer.de

Sven Lehmann und Arndt Klocke über das Leben als schwules Paar in der Politik

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Die Grünen-Politiker Sven Lehmann und Arndt Klocke, seit 20 Jahren ein Paar, sprechen in ihrem ersten gemeinsamen öffentlichen Gespräch über ihre offene Beziehung, ihre unterschiedlichen Karrieren und ihre queerpolitische Agenda.

Bill und Hillary Clinton, Margot und Erich Honecker, Olaf Scholz und Britta Ernst, Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine, Frank und Claire Underwood – erfolgreiche Paare in der Politik üben auf viele Menschen eine ganz besondere Faszination aus. Wie kann eine glückliche Beziehung im Spannungsverhältnis zwischen Liebe, Macht und Rivalität unter ständiger Beobachtung der Öffentlichkeit gelingen?

Antworten auf diese Frage gibt im neuen QUEERKRAM-Podcast Deutschlands ranghöchstes schwules Politpaar. Die beiden Grünen-Parlamentarier Sven Lehmann und Arndt Klocke sind bereits seit 20 Jahren zusammen. Der eine ist Staatssekretär im Bundesfamilienministerium und erster Queerbeauftragter der Bundesregierung, der andere Vize-Fraktionschef in Landtag von Nordrhein-Westfalen. Johannes Kram ist es gelungen, die beiden für ihr erstes gemeinsames öffentliches Gespräch vor das Mikrofon zu bekommen.

„Wir haben auch ein Privatleben, und das ist gut so“, erklärt Sven Lehmann das Erfolgsrezept der langjährigen Beziehung. „Wir sind nicht unsere Berater“, ergänzt Arndt Klocke. „Wir reden gar nicht so viel über Politik, wenn wir zusammen sind.“

Bei der Karriere hatte zunächst Arndt Klocke die Nase vorn. Bereits 2010 zog er in den Düsseldorfer Landtag ein, zuvor war er Landesparteichef. Als seinen Nachfolger wählten die NRW-Grünen damals Sven Lehmann, der dann mächtig aufholte: 2017 gelang ihm der Einzug in den Deutschen Bundestag und bereits vier Jahre später in die Regierung. „Wir haben uns nie gegenseitig protegiert, wir sind immer eigenständig in die Ämter gekommen“, stellt der frischgebackene Staatssekretär klar.

Neidisch sei er nicht auf seinen Freund, sagt Klocke im Podcast. Er habe sich bewusst für die Landespolitik entschieden. Neue Ämter schließt er allerdings nicht aus: „Schauen wir mal, was noch kommt.“ Lehmann wiederum kann sich nicht vorstellen, irgendwann einmal gegen seinen Partner zu kandidieren: „Keine politische Karriere ist so wichtig, als dass sie die Beziehung gefährden sollte.“

Im Gespräch mit Johannes Kram spricht Sven Lehmann über seine Gefühle, wie es war, als Vertreterin der Ministerin erstmals am Kabinettstisch zu sitzen, und verrät erste konkrete Zeitpläne zu den queerpolitischen Vorhaben der Ampelregierung. „Ich bin überrascht, wie groß die Aufmerksamkeit plötzlich für Dinge ist, die ich schon immer gefordert habe“, sagt er über sein Amt als Queerbeauftragter. Lehmann verrät, wie er die katholische Kirche nach #OutInChurch zu einer Änderung ihres diskriminierenden Arbeitsrechts bewegen will, und kündigt an, sein Mitspracherecht in anderen Ministerien laut und deutlich wahrzunehmen: „Ich habe nicht vor, der queere Grußwortsprecher zu werden.“

Natürlich geht es im Gespräch mit Johannes Kram auch um die beiden großen Tabubrüche von Arndt Klocke. 2017 sprach der Landtagsabgeordnete im „Kölner Stadt-Anzeiger“ öffentlich über seine überwundene Depression, ein Jahr später outete er sich im LGBTI-Magazin „Fresh“ als PrEP-Nutzer und sprach über seine sexuellen Begegnungen außerhalb der Beziehung. „Das Private ist politisch“, sagt er im Podcast, er habe anderen Menschen helfen wollen. Dennoch habe ihm eine Parteifreundin nach der PrEP-Story gesagt: „Mir wäre das peinlich.“

An dieser Stelle wird ein großer Unterschied zu den bekannten hetero Politpaaren deutlich. Dass Olaf Scholz oder Sahra Wagenknecht in Interviews übers sogenannte Fremdgehen sprechen, ist kaum vorstellbar. „Dass wir eine offene Beziehung haben, ist nichts, was man verstecken muss“, sagt dagegen Sven Lehmann. „Ich würde das den Heteros gönnen und wünschen. Das ist Teil unserer schwulen Kultur.“
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Micha Schulze, queer.de, 12. Februar 2022

Jurassica Parka über Drag-Kultur zwischen Mainstream-Hype und Gesellschaftskritik

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Berlins erfolgreichste Dragqueen Jurassica Parka spricht über Travestie als Mode im Mainstream, Fragen unter der Gürtellinie und die Pandemie als Karriere-Booster.

Sie fragt ihre Gesprächspartner*innen Dinge, die sonst niemand zu fragen wagt – aus dem Nichts heraus, absolut respekt- und schonungslos, oft weit unter der Gürtellinie. Und dennoch kann sich Jurassica Parka, Berlins erfolgreichste Dragqueen, nicht über prominente Gäste ihrer legendären Late-Night-Show „Paillette geht immer“ im BKA-Theater beklagen. Auch als Youtuberin, Podcasterin, DJ, Partyveranstalterin und Performerin hat sie sich weit über die Hauptstadt hinaus einen Namen gemacht.

Nun sind die Rollen einmal umgedreht: In der neuen QUEERKRAM-Folge beantwortet Parka die Fragen von Johannes Kram, der in der 30. Ausgabe seines Podcasts zum allerersten Mal eine Dragqueen im Studio begrüßt. Gekommen ist die 42-Jährige, die mit bürgerlichen Namen Mario Olszinski heißt, allerdings in zivil. „Ich laufe nicht jeden Tag im Fummel rum“, erzählt Jurassica. Die Heels seien auf Dauer unbequem, die Haare der Perücke hingen stören im Gesicht herum, auch sitze sie dann ganz anders. Im Podcast höre man schließlich nur ihre Stimme, und die sei genau dieselbe.

„Wir sind ein und dieselbe Person“, erfahren wir außerdem über Jurassica und Mario. Auf die Bühne steige sie aber nur in Drag. „Wenn ich den Fummel anhabe, kann ich viel frecher sein. Da wird dir auch viel mehr verziehen.“ Und sie hat eine weitere Erklärung dafür, warum sie noch immer Opfer für ihre Grenzüberschreitungen findet: „Ich erzähle auch wahnsinnig peinliche Geschichten von mir, so als Wiedergutmachung.“

Das macht sie dann auch bei Johannes Kram: „Ich schäme mich manchmal in Grund und Boden, wenn ich später Aufzeichnungen meiner Auftritte sehe“, erzählt die Dragqueen. Als Beispiel nennt sie ihr Format „Nuttengucken“, in dem sie einst Folgen von „Germany’s Next Top Model“ kommentierte – teils sexistisch und rassistisch. Diese Videos seien längst gelöscht. Jurassica Parka spricht offen über ihre Fehler, aus denen sie gelernt habe. Sie sei insgesamt sensibler und politischer geworden, mache vermehrt Ausgrenzungen und Diskriminierungen zum Thema. Als Dragqueen habe sie eine Vorbildfunktion.

Im Podcast geht es außerdem um Hasskommentare („Youtube ist das Sammelbecken der Bekloppten“), um Geld und Ruhm, um die „Golden Girls“ als „Tunten-WG“ und ihre Vollplayback-Musical-Show „The Golden Gmilfs“, ihren Einsatz als Botschafterin für das queere Berlin im Rahmen der Tourismuskampagne „Place2Be“ und was sie mit Anfang zwanzig als Grafiker in der Werbeagentur Scholz & Friends gelernt habe.

Natürlich spielt auch Corona eine Rolle. Die Pandemie habe ihr einen unerwarteten Booster gegeben, erzählt Jurassica Parka. Denn nun kann man sich ihre Shows als Stream in aller Welt anschauen. Im Gespräch mit Johannes Kram erzählt sie allerdings auch, wieviel Arbeit hinter diesem Erfolg steckt.
Dass die Drag-Kultur immer mehr im Mainstream landet, ist für Parka ein zweischneidiges Schwert. „Transen, Tunten, Drags sind gerade megacool und angesagt, und tatsächlich nervt mich das bisschen“, erzählt sie im Podcast. Denn dabei bleibe die subversive Gesellschaftskritik auf der Strecke. Andererseits sei die ProSieben-Show „Queen of Drags“ zwar „grottenschlecht“ gewesen, aber auch ein „tolles Sprungbrett“ für die queeren Kandidat*innen sowie ein „positives Lehrstück für die armen Heteros“. Mit Kram teilt sie allerdings die Sorge, dass der Drag-Boom zu Lasten von trans Menschen gehe. „Ich bin gerne ein cis Mann, das verwirrt nach wie vor die Menschen“, so Parka.
Micha Schulze, queer.de, 30. Januar 2022

Bettina Böttinger über gute Gespräche, klare Haltung und unnötige Empörung

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Die deutsche Talk-Ikone Bettina Böttinger spricht über ihren queeren Podcast „Wohnung 17“ auf WDR2, Erfolgsrezepte für ein gutes Gespräch, LGBTI-Themen im Mainstream und ihre Sehnsucht nach Freiheit.

Aus ihrer Homosexualität machte sie nie ein Geheimnis, und in ihren Talkformaten hatte sie immer auch queere Menschen zu Gast. Doch die "Vorzeige-Lesbe vom Dienst im Fernsehen", die wollte Bettina Böttinger nie sein – aus Angst, in eine Schublade gesteckt zu werden.

Umso überraschender die Ankündigung im Frühjahr, dass die 65-Jährige mit "Böttinger. Wohnung 17" auf WDR2 einen eigenen queeren Podcast startet. Seit April empfängt sie jede Woche einen neuen Gast aus der LGBTI-Community in ihrem Apartment in der Kölner Innenstadt, unterstützt vom WDR und gut gebrieft von einer eigenen Redaktion – beispielhafte Voraussetzungen für queeren Journalismus, aber auch Arbeitsbedingungen, von denen queere Medien und auch QUEERKRAM-Macher Johannes Kram nur träumen können.

Doch Neid spielt keine Rolle bei dem Gespräch zwischen Kram und Böttinger in Berlin, sondern der Respekt für die gegenseitige Arbeit und die Freude, dass queere Themen im sogenannten Mainstream angekommen sind. Was aber nicht heißt, dass es in der neuen, sehr lebendigen QUEERKRAM-Folge keinerlei Kontroversen gibt.

"Vielleicht weil ich 65 geworden bin", meint Bettina Böttinger auf die Frage von Johannes Kram, warum sie sich auf ein rein queeres Format eingelassen hat. "Es ist an der Zeit, dass ich etwas mache, wo ich frei agiere." Sie verspüre zudem eine "gewisse Ungeduld", so die Talkmasterin, und verweist auf queerfeindliche Bewegungen von rechts. "Wo Einschränkung und Nicht-Akzeptanz drohen, ist es nötiger, Farbe zu bekennen."

Die Sofa-Gespräche mit den queeren Gästen, die in ihrem Leben oft besonders standhaft und wehrhaft sein müssten, seien persönlicher und privater als in ihren Fernseh-Talkshows, erzählt Böttinger. "Das Aufblättern von queeren Lebensgeschichten finde ich wirklich berührend." Dabei versteht sich die Moderatorin durchaus als Volksaufklärerin: Als Publikum habe sie immer auch nicht-queere Menschen im Blick.

Um Unterhaltung mit Haltung geht es in dem rund einstündigen Gespräch, um Talkshow als Geschäft, um Fragen, die man besser nicht fragt, um Mitleid mit Armin Laschet und um die Neugierde an den Gästen. "Es gibt kein Leben, das nicht irgendwie spannend ist", sagt Bettina Böttinger. "Ich will mich nicht langweilen, deshalb frage ich ungern Dinge, die ich schon weiß."

Natürlich kommt auch der Harald-Schmidt-Eklat zur Sprache. 1995 fragte Schmidt in seiner Sendung, was Böttinger mit einer Ausgabe der "Emma", Eierlikör und einer Klobrille gemeinsam habe. Seine Antwort: Kein Mann fasse sie freiwillig an. Die Moderatorin ließ sich die unterirdische Beleidigung nicht gefallen, besuchte Schmidt trotz der ganzen Häme in dessen Show, um diese dann nach einem klaren Statement frühzeitig zu verlassen.

Solch offene Homofeindlichkeit gebe es heute nur noch sehr selten, stellt Böttinger im Podcast zufrieden fest. Doch wie man auf gemäßigtere Attacken reagieren sollte, darin wird sie sich mit Kram nicht einig. Sie selbst möchte mit Begriffen wie "Homophobie" nicht um sich werfen, sagt die Moderatorin. "Wenn es sich innerhalb der Meinungsfreiheit bewegt, muss man das aushalten." Ihr Rat: "Ausflippen kann man zu Hause im Badezimmer." Erst wenn es strafrechtlich relevant werde, sei Widerstand angebracht.

Das sieht Johannes Kram natürlich anders, der sich im Gespräch veranlasst sah, auf seine eigene Rolle in der Debatte zu verweisen: Denn diese hatte sich an der Polemik von Sandra Kegel gegen #ActOut entzündet, in der die FAZ-Redakteurin Diskriminierung leugnete und den beteiligten Schauspieler*innen vorwarf, sich nur wichtigmachen zu wollen.

Julia von Heinz und Sabine Steyer-Violet über lesbische Liebe und Sex in "Eldorado KaDeWe"

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Regisseurin Julia von Heinz und Drehbuchautorin Sabine Steyer-Violet sprechen über die bahnbrechende Serie „Eldorado KaDeWe – Jetzt ist unsere Zeit“, die am 27. Dezember zur Prime Time läuft.

Eine „kleines queeres Wunder“ nennt Johannes Kram die aufwändige ARD-Produktion „Eldorado KaDeWe – Jetzt ist unsere Zeit“ - und das ist nicht übertrieben. Am Samstag, den 27. Dezember zeigt das Erste ab 20.15 Uhr alle sechs Folgen der queeren Kaufhaus-Saga, in deren Mittelpunkt ein lesbisches Paar steht: Hedi (Valerie Stoll), Verkäuferin in der Textilabteilung, und Fritzi (Lia von Blarer), die Tochter des KaDeWe-Besitzers, sind nicht nur schwer verliebt, sondern haben auch sehr lustvollen Sex miteinander. Bereits ab Montag um 5.30 Uhr laufen die Folgen in der ARD-Mediathek.

Kurz vor der Ausstrahlung des queeren Binge-Watching-Events plaudern Julia von Heinz, die prominente (heterosexuelle) Regisseurin von „Eldorado KaDeWe“, und die lesbische Drehbuch-Koautorin Sabine Steyer-Violet Zeit im QUEERKRAM-Podcast von Johannes Kram aus dem Nähkästchen. „Ich habe schon die Sorge, dass Menschen ausschalten“, befürchtet von Heinz, deren Film „Und morgen die ganze Welt“ als deutscher Beitrag für den Oscar ins Rennen ging. Eine große TV-Programmbeilage habe im Vorfeld gar auf eine Ankündigung verzichtet, weil die Serie eine Zumutung sei.

„Lesbische Liebe zur Prime Time zu erzählen, ist eine wahnsinnig tolle Chance“, sagt Sabine Steyer-Violet, die auch als Creative Producerin an der Netflix-Serie „Unorthodox“ mitwirkte. Allerdings sei für sie auch der Druck groß gewesen, jetzt besonders gut sein zu müssen. „Das ist eine große Female-Empowerment-Story, die wir da geschrieben haben“, ist sie mit dem Ergebnis zufrieden. Die Regisseurin selbst nimmt sich bei der Botschaft vom „Eldorado KaDeWe“ zurück. „Film soll unterhalten“, sagt Julia von Heinz. „Mich unterhält auf jeden Fall, wenn ich überrascht werde.“

Im Podcast sprechen die beiden Frauen über die Entstehungsgeschichte der lesbischen Storyline, den Einfluss des Films „Carol“, die Reaktion des KaDeWe, den Diversity-Boom in der Film- und Fernsehbranche sowie die Auswirkungen von #ActOut. Es geht um Radikalität im Film und Triggerwarnungen, um Rosa von Praunheim als Ersatzvater, aber auch sehr offen um Dissonanzen beim Entwickeln der Serie. Während Sabine Steyer-Violet etwa Bauchschmerzen damit hat, dass sich ausgerechnet die selbstbewusste Fritz freiwillig einer Elektroschock-„Therapie“ unterzieht, um sich von ihrer Homosexualität zu „heilen“, war es Julia von Heinz wichtig, diese Folter zu zeigen.

Beim Sex waren sie sich dagegen einig. Lesben im Film hielten immer nur zärtlich Händchen, meint Steyer-Violet, es sei wichtig, dass man endlich mal das „gesamte Spektrum“ zeigE. „Fritzi leckt Hedi“, stehe deshalb auch explizit im Drehbuch. „Sex ist superwichtig, um Beziehungen zu erzählen“, ergänzt Julia von Heinz, und sie habe nichts dagegen, wenn diese Szenen auch antörnen.

„Auch heterosexuelle Männer?“, will Johannes Kram wissen. Sind homosexuelle Sexszenen zu Weihnachten im Ersten nur deshalb möglich, weil es sich um zwei Frauen handelt? Sowohl Kram als auch Sabine Steyer-Violet glauben nicht an schwulen Sex zur Prime Time. „Dann muss das die nächste Serie sein“, sagt Julia von Heinz.

Micha Schulze auf queer.de, 18.12.2021

Micha Schulze über peinliche Texte, klagende Homohasser*innen und Jens Riewa

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Im neuen QUEERKRAM-Podcast spricht Johannes Kram mit queer.de-Herausgeber Micha Schulze über den schwierigen Weg vom schwulen zum queeren Magazin, juristische Kämpfe mit Homo-Hasser*innen und seine Sorge vor rechten Protesten gegen die queerpolitischen Pläne der neuen Regierung.

Normalerweise ist es Micha Schulze, einer der Gründer und bis heute Herausgeber von queer.de, der den Artikel zur neuen QUEERKRAM-Folge schreibt. Doch diesmal haben wir uns entschieden, es etwas anders zu machen. Denn da Micha selbst Gast der aktuellen Episode ist und es irgendwie merkwürdig wäre, wenn er hier über ein Gespräch schreiben würde, dessen Mittelpunkt er ist, bin ich diesmal nicht nur der Podcast-Host, sondern auch derjenige, der hier darüber berichtet.

Eigentlich wollte ich Micha schon sehr viel früher im Podcast haben, doch er fand, dass es komisch wirken würde, wenn queer.de Thema in einem Podcast wäre, der von queer.de präsentiert wird. Jetzt, nach über 25 Folgen mit wichtigen Protagonist*innen und Themen aus der queeren Community, konnte ich ihn überzeugen, dabei zu sein. Denn mittlerweile ist es andersherum: Es wäre komisch, wenn wir nicht endlich auch mal über queer.de sprechen würden.

Zumal queer.de nicht nur die größte und wichtigste deutschsprachige queere Nachrichtenseite ist, sondern auch noch eine, über deren Macher*innen und Innenleben man wenig weiß. Und das, obwohl das Medium in den letzten Jahren selbst oft Medienthema war. Etwa durch die Klagen und einstweilige Verfügungen von Homohasser*innen, die nicht wollen, dass man sie Homohasser*innen nennt. Etwa durch den Tagesschausprecher Jens Riewa, mit dem sich queer.de vor Gericht darüber streiten muss, was privat ist. Und zuletzt bei der sogenannten Debatte um die sogenannte Identitätspolitik.

Doch der Reihe nach: Micha nutzt unser Podcast-Gespräch ganz am Anfang für eine frohe Botschaft: Während sich die queer.de-Leute im Jahr 2019 noch gegen 13 Abmahnungen wehren mussten, habe es in diesem Jahr keine einzige juristische Intervention gegeben. Micha führt das darauf zurück, dass man sich konsequent gewehrt habe. Es habe sich im christlichen-fundamentalistischen und rechtsnationalen Milieu offensichtlich rumgesprochen, "dass wir Sachen nicht einfach hinnehmen, dass wir nicht gleich eine Verpflichtungserklärung unterschreiben, dass wir Sachen auch notfalls ausfechten".

Zur Causa Jens Riewa schätzt Micha, dass diese die Gerichte wohl noch ein paar Jahre beschäftigen werde. Aber auch hier sei es wichtig dranzubleiben. Ganz egal, ob der "Tagesschau"-Sprecher nun schwul sei oder nicht ("das ist uns schnurz") gehe es darum, dass Homosexualität ebenso wenig "Privatsache" sei wie Heterosexualität.

Unser Gespräch fand kurz vor dem Ende der Koalitionsverhandlungen der neuen Ampel-Regierung statt, die Ergebnisse standen noch nicht fest, auch wenn der queerpolitische Aufbruch auch schon vorher erwartet wurde. Es ist eine für queere Journalist*innen spannende Zeit, doch Micha warnt vor zu viel Optimismus: Es werde einen riesigen Widerstand gegen die Vorhaben von rechts und rechtsaußen geben, vor allem gegen das geplante Selbstbestimmungsgesetz erwartet er eine große Mobilisierung. Er ist sich sicher: "Das wird hart!"

Wir sprechen über die queerpolitischen Themen des Jahres und wie er und seine Redaktion sie erlebt haben. Unter anderem über die Kampagne #ActOut, die eine "kleine Revolution" ausgelöst habe, die sich auch im Redaktionsalltag bemerkbar mache, weil es mittlerweile mehr queere Rollen gäbe, als man journalistisch zum Thema machen könne. Die Debatte um "Identitätspolitik", die von Wolfgang Thierse angestoßen wurde, sei für sie die schwierigste und herausforderndste gewesen, auch weil dieser Begriff von manchen genutzt werde, um Queerfeindlichkeit zu vertuschen. Und im Endeffekt hätten sie sich eingestehen müssen, diese Debatte verloren zu haben: "Wir haben argumentativ versucht, gegenzuhalten, wir haben sachlich versucht, gegenzuhalten, wir hatten keine Chance."

Daniel Schreiber über Alleinsein, Sucht, queere Scham und innere Freiheit

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Bestseller-Autor Daniel Schreiber spricht über sein neues Buch "Allein", Sucht in der LGBTI-Community, sexuelle und emotionale Anorexie und warum Alice Weidel zur Rechenschaft gezogen werden muss.
Sein Essayband "Allein" steht auf Platz elf der "Spiegel"-Bestsellerliste, die Tendenz geht nach oben. Mit seinem bislang queersten Buch, erschienen Ende September bei Hanser Berlin, erreicht Daniel Schreiber ein Publikum weit über die LGBTI-Community hinaus. Es geht um das "Spannungsverhältnis zwischen dem Wunsch nach Rückzug und Freiheit und dem nach Nähe, Liebe und Gemeinschaft", heißt es in der Verlagsankündigung. Vor allem geht es um das sogenannte Alleinsein, das Leben ohne feste Partnerschaft.

Obwohl er die Promo-Phase nach Erscheinen des Buches ziemlich anstrengend findet und er nach eigener Aussage sogar Angst hat, etwas Falsches zu sagen, hat sich Schreiber Zeit für einen Besuch im QUEERKRAM-Studio von Johannes Kram genommen. Und das war auch gut so: Die 26. Podcast-Folge bietet eines der intensivsten und spannendsten Gespräche, einen sehr persönlichen Blick auf Themen, die für queere Meschen existentiell sind.

"Ich schreibe nicht über mich, sondern über blinde Flecken in der Gesellschaft", sagt Daniel Schreiber. In seinem Essay "Nüchtern" (2014) beschäftigte sich der 1977 geborene Berliner Autor mit dem Thema Sucht, im Nachfolger "Zuhause" (2017) schrieb er über seine Misshandlung als queerer Junge in der DDR.

Ein zentrales Thema in "Allein" ist nun die tief verinnerlichte "queere Scham", die das Aufwachsen in einer homo- und transfeindlichen Gesellschaft mit sich bringe und oft nicht erkannt werde. "Es ist schwerer, mit schwulen Männern über queere Scham zu reden als mit Heteros", sagt Schreiber im Podcast. Die Abwehrmechanismen seien groß.

Doch die Erfahrung von Ausgrenzung und die dadurch hervorgerufenen Gefühle gehörten zur eigenen Person, stellt er klar. "Es ist eine Frage von Selbstakzeptanz, dass wir alle guten und schlechten Seiten, die man hat, hinzunehmen lernen und versuchen, damit umzugehen."

Sind diese Fragen nicht zu queer für ein Hetero-Publikum, will Johannes Kram wissen. Und ob der Verlag bei diesem Kapitel eingegriffen habe. Nein, sagt Daniel Schreiber. Nur Authentizität schaffe Erkenntnisgewinn. "Ich glaube nicht, dass man mehr Bücher verkauft, wenn man sich verstellt."

In dem intellektuell brillanten Podcast geht es außerdem um sexuelle und emotionale Anorexie und in diesem Zusammenhang um den Zwang, als Schwuler in einer Beziehung zu sein oder mit vielen Männern zu schlafen. Außerdem um die Notwendigkeit, sich von unrealistischen Träumen zu verabschieden, um sogenannte Identitätspolitik und rechtsextreme "Kommunikationsfallen", in die auch linkliberale Menschen hineinstolperten.

Ohne ihren Namen zu erwähnen, fordert Schreiber dazu auf, AfD-Chefin Alice Weidel zur Rechenschaft zu ziehen. "Ich habe überhaupt kein Verständnis für diesen Zynismus und diese Heuchelei, privat die Vielfalt dieser Gesellschaft, die Demokratie dieser Gesellschaft, die Menschenrechte dieser Gesellschaft zu genießen und davon zu profitieren und öffentlich alles dafür zu tun, all diese Sachen zu zerstören."

Trotz viel schwerer Kost gibt sich der Mittvierziger im Podcast aber auch hoffnungsvoll: "Eine ganz zentrale Erfahrung meines queeren Lebens ist, dass Dinge wirklich besser geworden sind."
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Micha Schulze, queer.de 11.10.2021

Über diesen Podcast

Mit Johannes Kram vom Nollendorfblog und queer.de haben sich zwei wichtige queere Stimmen Deutschlands zusammengeschlossen, um spannende Menschen (nicht nur) aus der Community vorzustellen und mit ihnen intensiv und sehr persönlich über drängende Themen wie Homophobie, Queerfeindlichkeit, queere Sichtbarkeit oder die Situation von LGBTI* Gesellschaft, Kultur und Medien zu sprechen. Kein anderer ist dafür als Interviewpartner besser geeignet als Johannes Kram, der mit seinem Blog und seinem Buch 'Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber…' den Finger immer wieder tief in die Wunde legt und es gleichzeitig schafft, ein neues Wir-Gefühl in der Community zu schaffen.
(queer.de vom 27.02.2020)
*deutsch für Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transsexuell/Transgender und Intersexuell

QUEERKRAM wurde im Januar 2021 von Apple als einer der zehn besten neuen Podcasts 2020 ausgezeichnet. Juni 2021 wurde der Podcast mit dem Grimme Online Award in der Kategorie "Kultur und Unterhaltung" prämiert.

Redaktion und Gesamtverantwortung: Johannes Kram
Ton & Technik: Sebastian Pagel

von und mit Johannes Kram präsentiert von queer.de

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