QUEERKRAM

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Queer.de präsentiert den queeren Podcast mit Nollendorfblogger Johannes Kram

Bettina Böttinger über gute Gespräche, klare Haltung und unnötige Empörung

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Die deutsche Talk-Ikone Bettina Böttinger spricht über ihren queeren Podcast „Wohnung 17“ auf WDR2, Erfolgsrezepte für ein gutes Gespräch, LGBTI-Themen im Mainstream und ihre Sehnsucht nach Freiheit.

Aus ihrer Homosexualität machte sie nie ein Geheimnis, und in ihren Talkformaten hatte sie immer auch queere Menschen zu Gast. Doch die "Vorzeige-Lesbe vom Dienst im Fernsehen", die wollte Bettina Böttinger nie sein – aus Angst, in eine Schublade gesteckt zu werden.

Umso überraschender die Ankündigung im Frühjahr, dass die 65-Jährige mit "Böttinger. Wohnung 17" auf WDR2 einen eigenen queeren Podcast startet. Seit April empfängt sie jede Woche einen neuen Gast aus der LGBTI-Community in ihrem Apartment in der Kölner Innenstadt, unterstützt vom WDR und gut gebrieft von einer eigenen Redaktion – beispielhafte Voraussetzungen für queeren Journalismus, aber auch Arbeitsbedingungen, von denen queere Medien und auch QUEERKRAM-Macher Johannes Kram nur träumen können.

Doch Neid spielt keine Rolle bei dem Gespräch zwischen Kram und Böttinger in Berlin, sondern der Respekt für die gegenseitige Arbeit und die Freude, dass queere Themen im sogenannten Mainstream angekommen sind. Was aber nicht heißt, dass es in der neuen, sehr lebendigen QUEERKRAM-Folge keinerlei Kontroversen gibt.

"Vielleicht weil ich 65 geworden bin", meint Bettina Böttinger auf die Frage von Johannes Kram, warum sie sich auf ein rein queeres Format eingelassen hat. "Es ist an der Zeit, dass ich etwas mache, wo ich frei agiere." Sie verspüre zudem eine "gewisse Ungeduld", so die Talkmasterin, und verweist auf queerfeindliche Bewegungen von rechts. "Wo Einschränkung und Nicht-Akzeptanz drohen, ist es nötiger, Farbe zu bekennen."

Die Sofa-Gespräche mit den queeren Gästen, die in ihrem Leben oft besonders standhaft und wehrhaft sein müssten, seien persönlicher und privater als in ihren Fernseh-Talkshows, erzählt Böttinger. "Das Aufblättern von queeren Lebensgeschichten finde ich wirklich berührend." Dabei versteht sich die Moderatorin durchaus als Volksaufklärerin: Als Publikum habe sie immer auch nicht-queere Menschen im Blick.

Um Unterhaltung mit Haltung geht es in dem rund einstündigen Gespräch, um Talkshow als Geschäft, um Fragen, die man besser nicht fragt, um Mitleid mit Armin Laschet und um die Neugierde an den Gästen. "Es gibt kein Leben, das nicht irgendwie spannend ist", sagt Bettina Böttinger. "Ich will mich nicht langweilen, deshalb frage ich ungern Dinge, die ich schon weiß."

Natürlich kommt auch der Harald-Schmidt-Eklat zur Sprache. 1995 fragte Schmidt in seiner Sendung, was Böttinger mit einer Ausgabe der "Emma", Eierlikör und einer Klobrille gemeinsam habe. Seine Antwort: Kein Mann fasse sie freiwillig an. Die Moderatorin ließ sich die unterirdische Beleidigung nicht gefallen, besuchte Schmidt trotz der ganzen Häme in dessen Show, um diese dann nach einem klaren Statement frühzeitig zu verlassen.

Solch offene Homofeindlichkeit gebe es heute nur noch sehr selten, stellt Böttinger im Podcast zufrieden fest. Doch wie man auf gemäßigtere Attacken reagieren sollte, darin wird sie sich mit Kram nicht einig. Sie selbst möchte mit Begriffen wie "Homophobie" nicht um sich werfen, sagt die Moderatorin. "Wenn es sich innerhalb der Meinungsfreiheit bewegt, muss man das aushalten." Ihr Rat: "Ausflippen kann man zu Hause im Badezimmer." Erst wenn es strafrechtlich relevant werde, sei Widerstand angebracht.

Das sieht Johannes Kram natürlich anders, der sich im Gespräch veranlasst sah, auf seine eigene Rolle in der Debatte zu verweisen: Denn diese hatte sich an der Polemik von Sandra Kegel gegen #ActOut entzündet, in der die FAZ-Redakteurin Diskriminierung leugnete und den beteiligten Schauspieler*innen vorwarf, sich nur wichtigmachen zu wollen.

Julia von Heinz und Sabine Steyer-Violet über lesbische Liebe und Sex in "Eldorado KaDeWe"

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Regisseurin Julia von Heinz und Drehbuchautorin Sabine Steyer-Violet sprechen über die bahnbrechende Serie „Eldorado KaDeWe – Jetzt ist unsere Zeit“, die am 27. Dezember zur Prime Time läuft.

Eine „kleines queeres Wunder“ nennt Johannes Kram die aufwändige ARD-Produktion „Eldorado KaDeWe – Jetzt ist unsere Zeit“ - und das ist nicht übertrieben. Am Samstag, den 27. Dezember zeigt das Erste ab 20.15 Uhr alle sechs Folgen der queeren Kaufhaus-Saga, in deren Mittelpunkt ein lesbisches Paar steht: Hedi (Valerie Stoll), Verkäuferin in der Textilabteilung, und Fritzi (Lia von Blarer), die Tochter des KaDeWe-Besitzers, sind nicht nur schwer verliebt, sondern haben auch sehr lustvollen Sex miteinander. Bereits ab Montag um 5.30 Uhr laufen die Folgen in der ARD-Mediathek.

Kurz vor der Ausstrahlung des queeren Binge-Watching-Events plaudern Julia von Heinz, die prominente (heterosexuelle) Regisseurin von „Eldorado KaDeWe“, und die lesbische Drehbuch-Koautorin Sabine Steyer-Violet Zeit im QUEERKRAM-Podcast von Johannes Kram aus dem Nähkästchen. „Ich habe schon die Sorge, dass Menschen ausschalten“, befürchtet von Heinz, deren Film „Und morgen die ganze Welt“ als deutscher Beitrag für den Oscar ins Rennen ging. Eine große TV-Programmbeilage habe im Vorfeld gar auf eine Ankündigung verzichtet, weil die Serie eine Zumutung sei.

„Lesbische Liebe zur Prime Time zu erzählen, ist eine wahnsinnig tolle Chance“, sagt Sabine Steyer-Violet, die auch als Creative Producerin an der Netflix-Serie „Unorthodox“ mitwirkte. Allerdings sei für sie auch der Druck groß gewesen, jetzt besonders gut sein zu müssen. „Das ist eine große Female-Empowerment-Story, die wir da geschrieben haben“, ist sie mit dem Ergebnis zufrieden. Die Regisseurin selbst nimmt sich bei der Botschaft vom „Eldorado KaDeWe“ zurück. „Film soll unterhalten“, sagt Julia von Heinz. „Mich unterhält auf jeden Fall, wenn ich überrascht werde.“

Im Podcast sprechen die beiden Frauen über die Entstehungsgeschichte der lesbischen Storyline, den Einfluss des Films „Carol“, die Reaktion des KaDeWe, den Diversity-Boom in der Film- und Fernsehbranche sowie die Auswirkungen von #ActOut. Es geht um Radikalität im Film und Triggerwarnungen, um Rosa von Praunheim als Ersatzvater, aber auch sehr offen um Dissonanzen beim Entwickeln der Serie. Während Sabine Steyer-Violet etwa Bauchschmerzen damit hat, dass sich ausgerechnet die selbstbewusste Fritz freiwillig einer Elektroschock-„Therapie“ unterzieht, um sich von ihrer Homosexualität zu „heilen“, war es Julia von Heinz wichtig, diese Folter zu zeigen.

Beim Sex waren sie sich dagegen einig. Lesben im Film hielten immer nur zärtlich Händchen, meint Steyer-Violet, es sei wichtig, dass man endlich mal das „gesamte Spektrum“ zeigE. „Fritzi leckt Hedi“, stehe deshalb auch explizit im Drehbuch. „Sex ist superwichtig, um Beziehungen zu erzählen“, ergänzt Julia von Heinz, und sie habe nichts dagegen, wenn diese Szenen auch antörnen.

„Auch heterosexuelle Männer?“, will Johannes Kram wissen. Sind homosexuelle Sexszenen zu Weihnachten im Ersten nur deshalb möglich, weil es sich um zwei Frauen handelt? Sowohl Kram als auch Sabine Steyer-Violet glauben nicht an schwulen Sex zur Prime Time. „Dann muss das die nächste Serie sein“, sagt Julia von Heinz.

Micha Schulze auf queer.de, 18.12.2021

Micha Schulze über peinliche Texte, klagende Homohasser*innen und Jens Riewa

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Im neuen QUEERKRAM-Podcast spricht Johannes Kram mit queer.de-Herausgeber Micha Schulze über den schwierigen Weg vom schwulen zum queeren Magazin, juristische Kämpfe mit Homo-Hasser*innen und seine Sorge vor rechten Protesten gegen die queerpolitischen Pläne der neuen Regierung.

Normalerweise ist es Micha Schulze, einer der Gründer und bis heute Herausgeber von queer.de, der den Artikel zur neuen QUEERKRAM-Folge schreibt. Doch diesmal haben wir uns entschieden, es etwas anders zu machen. Denn da Micha selbst Gast der aktuellen Episode ist und es irgendwie merkwürdig wäre, wenn er hier über ein Gespräch schreiben würde, dessen Mittelpunkt er ist, bin ich diesmal nicht nur der Podcast-Host, sondern auch derjenige, der hier darüber berichtet.

Eigentlich wollte ich Micha schon sehr viel früher im Podcast haben, doch er fand, dass es komisch wirken würde, wenn queer.de Thema in einem Podcast wäre, der von queer.de präsentiert wird. Jetzt, nach über 25 Folgen mit wichtigen Protagonist*innen und Themen aus der queeren Community, konnte ich ihn überzeugen, dabei zu sein. Denn mittlerweile ist es andersherum: Es wäre komisch, wenn wir nicht endlich auch mal über queer.de sprechen würden.

Zumal queer.de nicht nur die größte und wichtigste deutschsprachige queere Nachrichtenseite ist, sondern auch noch eine, über deren Macher*innen und Innenleben man wenig weiß. Und das, obwohl das Medium in den letzten Jahren selbst oft Medienthema war. Etwa durch die Klagen und einstweilige Verfügungen von Homohasser*innen, die nicht wollen, dass man sie Homohasser*innen nennt. Etwa durch den Tagesschausprecher Jens Riewa, mit dem sich queer.de vor Gericht darüber streiten muss, was privat ist. Und zuletzt bei der sogenannten Debatte um die sogenannte Identitätspolitik.

Doch der Reihe nach: Micha nutzt unser Podcast-Gespräch ganz am Anfang für eine frohe Botschaft: Während sich die queer.de-Leute im Jahr 2019 noch gegen 13 Abmahnungen wehren mussten, habe es in diesem Jahr keine einzige juristische Intervention gegeben. Micha führt das darauf zurück, dass man sich konsequent gewehrt habe. Es habe sich im christlichen-fundamentalistischen und rechtsnationalen Milieu offensichtlich rumgesprochen, "dass wir Sachen nicht einfach hinnehmen, dass wir nicht gleich eine Verpflichtungserklärung unterschreiben, dass wir Sachen auch notfalls ausfechten".

Zur Causa Jens Riewa schätzt Micha, dass diese die Gerichte wohl noch ein paar Jahre beschäftigen werde. Aber auch hier sei es wichtig dranzubleiben. Ganz egal, ob der "Tagesschau"-Sprecher nun schwul sei oder nicht ("das ist uns schnurz") gehe es darum, dass Homosexualität ebenso wenig "Privatsache" sei wie Heterosexualität.

Unser Gespräch fand kurz vor dem Ende der Koalitionsverhandlungen der neuen Ampel-Regierung statt, die Ergebnisse standen noch nicht fest, auch wenn der queerpolitische Aufbruch auch schon vorher erwartet wurde. Es ist eine für queere Journalist*innen spannende Zeit, doch Micha warnt vor zu viel Optimismus: Es werde einen riesigen Widerstand gegen die Vorhaben von rechts und rechtsaußen geben, vor allem gegen das geplante Selbstbestimmungsgesetz erwartet er eine große Mobilisierung. Er ist sich sicher: "Das wird hart!"

Wir sprechen über die queerpolitischen Themen des Jahres und wie er und seine Redaktion sie erlebt haben. Unter anderem über die Kampagne #ActOut, die eine "kleine Revolution" ausgelöst habe, die sich auch im Redaktionsalltag bemerkbar mache, weil es mittlerweile mehr queere Rollen gäbe, als man journalistisch zum Thema machen könne. Die Debatte um "Identitätspolitik", die von Wolfgang Thierse angestoßen wurde, sei für sie die schwierigste und herausforderndste gewesen, auch weil dieser Begriff von manchen genutzt werde, um Queerfeindlichkeit zu vertuschen. Und im Endeffekt hätten sie sich eingestehen müssen, diese Debatte verloren zu haben: "Wir haben argumentativ versucht, gegenzuhalten, wir haben sachlich versucht, gegenzuhalten, wir hatten keine Chance."

Daniel Schreiber über Alleinsein, Sucht, queere Scham und innere Freiheit

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Bestseller-Autor Daniel Schreiber spricht über sein neues Buch "Allein", Sucht in der LGBTI-Community, sexuelle und emotionale Anorexie und warum Alice Weidel zur Rechenschaft gezogen werden muss.
Sein Essayband "Allein" steht auf Platz elf der "Spiegel"-Bestsellerliste, die Tendenz geht nach oben. Mit seinem bislang queersten Buch, erschienen Ende September bei Hanser Berlin, erreicht Daniel Schreiber ein Publikum weit über die LGBTI-Community hinaus. Es geht um das "Spannungsverhältnis zwischen dem Wunsch nach Rückzug und Freiheit und dem nach Nähe, Liebe und Gemeinschaft", heißt es in der Verlagsankündigung. Vor allem geht es um das sogenannte Alleinsein, das Leben ohne feste Partnerschaft.

Obwohl er die Promo-Phase nach Erscheinen des Buches ziemlich anstrengend findet und er nach eigener Aussage sogar Angst hat, etwas Falsches zu sagen, hat sich Schreiber Zeit für einen Besuch im QUEERKRAM-Studio von Johannes Kram genommen. Und das war auch gut so: Die 26. Podcast-Folge bietet eines der intensivsten und spannendsten Gespräche, einen sehr persönlichen Blick auf Themen, die für queere Meschen existentiell sind.

"Ich schreibe nicht über mich, sondern über blinde Flecken in der Gesellschaft", sagt Daniel Schreiber. In seinem Essay "Nüchtern" (2014) beschäftigte sich der 1977 geborene Berliner Autor mit dem Thema Sucht, im Nachfolger "Zuhause" (2017) schrieb er über seine Misshandlung als queerer Junge in der DDR.

Ein zentrales Thema in "Allein" ist nun die tief verinnerlichte "queere Scham", die das Aufwachsen in einer homo- und transfeindlichen Gesellschaft mit sich bringe und oft nicht erkannt werde. "Es ist schwerer, mit schwulen Männern über queere Scham zu reden als mit Heteros", sagt Schreiber im Podcast. Die Abwehrmechanismen seien groß.

Doch die Erfahrung von Ausgrenzung und die dadurch hervorgerufenen Gefühle gehörten zur eigenen Person, stellt er klar. "Es ist eine Frage von Selbstakzeptanz, dass wir alle guten und schlechten Seiten, die man hat, hinzunehmen lernen und versuchen, damit umzugehen."

Sind diese Fragen nicht zu queer für ein Hetero-Publikum, will Johannes Kram wissen. Und ob der Verlag bei diesem Kapitel eingegriffen habe. Nein, sagt Daniel Schreiber. Nur Authentizität schaffe Erkenntnisgewinn. "Ich glaube nicht, dass man mehr Bücher verkauft, wenn man sich verstellt."

In dem intellektuell brillanten Podcast geht es außerdem um sexuelle und emotionale Anorexie und in diesem Zusammenhang um den Zwang, als Schwuler in einer Beziehung zu sein oder mit vielen Männern zu schlafen. Außerdem um die Notwendigkeit, sich von unrealistischen Träumen zu verabschieden, um sogenannte Identitätspolitik und rechtsextreme "Kommunikationsfallen", in die auch linkliberale Menschen hineinstolperten.

Ohne ihren Namen zu erwähnen, fordert Schreiber dazu auf, AfD-Chefin Alice Weidel zur Rechenschaft zu ziehen. "Ich habe überhaupt kein Verständnis für diesen Zynismus und diese Heuchelei, privat die Vielfalt dieser Gesellschaft, die Demokratie dieser Gesellschaft, die Menschenrechte dieser Gesellschaft zu genießen und davon zu profitieren und öffentlich alles dafür zu tun, all diese Sachen zu zerstören."

Trotz viel schwerer Kost gibt sich der Mittvierziger im Podcast aber auch hoffnungsvoll: "Eine ganz zentrale Erfahrung meines queeren Lebens ist, dass Dinge wirklich besser geworden sind."
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Micha Schulze, queer.de 11.10.2021

Kerstin Polte über die queere TV-Revolution und Goethes Faust auf feministisch

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Die Regisseurin und Drehbuchautorin Kerstin Polte spricht über die zunehmende queere Sichtbarkeit in Film und TV, warum sie Corinna Harfouch eine Lesbe spielen lässt und wie sie dem ZDF eine Serie mit nichtbinärer Hauptfigur abgetrotzt hat.
Das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland galt lange als extrem heteronormativ und besonders verschnarcht, doch in letzter Zeit scheint es auf den queeren Geschmack gekommen zu sein. Bereits im Mai war in der ARD-Mediathek die schwule Serie "All You Need" zu sehen, gefolgt Ende Juni von der lesbischen ZDF-Produktion "Loving Her". Ab dem 31. August wird auf ZDFneo die Sitcom "The Drag and Us" gezeigt. Aktuell dreht Julia von Heinz zudem für die ARD unter dem Arbeitstitel "Eldorado KaDeWe" eine Serie über das Berliner Kaufhaus, bei der ein lesbisches Paar im Mittelpunkt steht.

Dass sich endlich etwas ändert, auch in den eingefahrenen Strukturen, das liegt natürlich an der starken Konkurrenz von Netflix und Co. Aber auch an einzelnen Personen, die von den Sendern mehr Diversität einfordern und dabei nicht lockerlassen. Eine von ihnen ist die Berliner Regisseurin und Drehbuchautorin Kerstin Polte, die Johannes Kram in seinem neuen QUEERKRAM-Podcast zu Gast hat.

Die Folge könnte aktueller nicht sein: Am Donnerstag, den 26. August um 20.15 Uhr zeigt das ZDF Poltes Spielfilm "Immer der Nase nach", in dem wir Corinna Harfouch in einer lesbischen Rolle erleben dürfen. Auch bei der Serie "Wir" über zwei Frauen, die nach zwölf Jahren Trennung wieder zueinanderfinden und die ab 17. September in der ZDF-Mediathek läuft, gehört das 46-jährige Gründungsmitglied der Queer Media Society zum Regieteam.

Bereits in Poltes erstem langen Kinospielfilm "Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?" (2018) gab es eine lesbische Nebenstory: Meret Becker verliebt sich als Tochter einer dementen Mutter in eine Truckerin. In ihren Filmen wolle sie queere Figuren in ihrer Selbstverständlichkeit zeigen, nicht als Coming-out-Problem, stellt Kerstin Polte im Podcast klar. "Ich finde diese Erzählung anhand von andersartigen Konflikten todlangweilig. Ich nehme gerne Themen, die uns alle betreffen." In Bezug auf "Immer der Nase nach" berichtet sie detailliert, wie sie das ursprüngliche Drehbuch von Klischees befreit und mit feministischen Korrekturen den "ZDF-Sendeplatz gesprengt" habe.

"Wo wir wirklich was reißen können, ist für die breite Masse zu erzählen", sagt Kerstin Polte. Und kündigt im Gespräch mit Johannes Kram sogleich die erste ZDF-Serie mit einer nichtbinären Hauptfigur an: Die Dreharbeiten für "Charlie" sollen Ende des Jahres beginnen. Im Mittelpunkt, so die Co-Regisseurin, stehe eine Person aus dem "Plattenbaumilieu", die bei ihren queeren Tanten unterkomme. "Scheiß auf diese ganzen binären Quatschsysteme", sagt Polte. "Lass uns anfangen, Menschen in allen Farben, Formen und Ecken zu erzählen."

Im Podcast erklärt die lesbische Filmemacherin außerdem, warum es "längst überfällig" sei, Goethe, Kleist und Büchner umzuschreiben, und dass die Diversity auch bei den vermeintlichen modernen Streamingdiensten ihre Grenzen hat. Sehr wenig hält sie von den neuen Amazon-Richtlinien, nach denen nur noch Schauspieler*innen engagiert werden sollen, "deren Identität (Geschlecht, Geschlechtsidentität, Nationalität, Ethnizität, sexuelle Orientierung, Behinderung) mit den Figuren, die sie spielen, übereinstimmt". Awareness zu schaffen, sei nicht verkehrt, so Polte, doch Schauspielkunst bestehe aus mehr als der eigenen Biografie. "Es geht nicht darum zu spielen, wer man ist, sondern zu zeigen, was will eine Figur."

-- Micha Schulze auf queer.de, 21. August 2021

Jochen Schropp über die Grenzen der TV-Unterhaltung und das öffentliche Reden über Sex

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TV-Moderator und Schauspieler Jochen Schropp spricht über Queerfeindlichkeit im Reality-TV, warum Reden über Sex guttut und was die Community für ihn bedeutet.
Wer immer noch Angst hat, dass ein öffentliches Coming-out zwangsläufig eine Karriere im Showbiz verhindert, schaut am besten auf Jochen Schropp. Vor drei Jahren sprach der heute 42-Jährige mit dem "stern" erstmals über seine Homosexualität – heute ist er eines der bekanntesten Gesichter im deutschen Fernsehen. Beim Zappen auf Sat.1 kann man ihm kaum entkommen. Schropp moderiert u.a. "Promi Big Brother", "United Voices" und "Die Festspiele der Reality-Stars" sowie als Vertretung auch im Frühstücksfernsehen.

Bevor im August zum neunten Mal mehr oder weniger bekannte Selbstdarsteller*innen in den TV-Container ziehen, fand Schropp Zeit für einen Besuch im QUEERKRAM-Studio von Johannes Kram – und wird gleich zu Beginn mit inszenierter Queerfeindlichkeit bei seinem Haussender konfrontiert. Wir erinnern uns: Im Frühjahr sendete Sat.1 erst die homofeindlichen Tiraden des Prinzen Marcus von Anhalt bei "Promis unter Palmen", erst nach heftiger Kritik verschwanden die Episoden nach und nach aus der Mediathek. Am Ende wurde das gesamte Format vom Sender beerdigt.

"Bei 'Promis unter Palmen' hätte mehr durchgegriffen werden müssen", sagt Jochen Schropp im Podcast – und geht recht deutlich mit den deutschen Privatsendern ins Gericht. Queere Menschen seien in Realityformaten "oft vorgeführt worden, gerade transidente Menschen", kritisiert er. Erst in den letzten Jahren sei es besser geworden. "Es musste zigmal knallen, damit sich was verändert hat." Er selbst werde keine Queerfeindlichkeit bei "Promi Big Brother" dulden, kündigt er an. "Ich bin ein Mensch mit Haltung und ich will gewisse Sachen im Fernsehen nicht sehen."

Jochen Schropp, der Unterhalter, ist angespannt in dieser Phase des Podcasts, und er spricht sein Unwohlsein auch an, erklärt dies mit der für ihn schwierigen Talksituation: noch ungefrühstückt morgens eine Stunde bei solchen Themen im Stehen Rede und Antwort geben zu sollen. Johannes Kram, der Publizist, ist zunächst perplex, schließlich hat er nicht einmal kritisch nachgebohrt. Schropp will, das sagt er später im Podcast, Veränderungen durch freundliches Überzeugen erreichen, will keinesfalls aggressiv rüberkommen. "Man darf nicht davon ausgehen, dass Leute alles wissen müssen. Man muss sie manchmal an die Hand nehmen."

Die queere Community bedeutet dem Moderator sehr viel: "Ich finde dieses Zusammengehörigkeitsgefühl super", erzählt Schropp. "Je älter ich werde, desto wichtiger wird das für mich." Während er vor seinem öffentlichen Coming-out noch Angst gehabt habe, "nur noch als schwuler Mann wahrgenommen" zu werden, spricht er nun ganz bewusst in zwei eigenen Podcasts über queere Themen. An der Seite der lesbischen Journalistin Felicia Mutterer ist er in "Yvonne & Berner" zu hören, mit "Prince Charming"-Sieger Lars Tönsfeuerborn bietet er "Knall & Tüte" im bezahlpflichtigen Portal Podimo an. "Ich will zur Community beitragen, und ich lerne auch viel hinzu." Nun fühlt er sich auch wohl im Studio.

Jochen Schropp ist erfrischend ehrlich, aber nicht naiv. Mit Johannes Kram spricht er auch über seinen Frust mit der Community und welche Schlagzeile einer Szenewebsite ihn wirklich geärgert hat. Beim Kölner Schraubenzieher-Vorfall geht es um die ständige Alarmbereitschaft, in die sich queere Menschen ganz unbewusst versetzen. Schropp erklärt, warum es ihm guttut, öffentlich über Sex zu reden. Und wir hören sein indirektes Angebot, noch einmal – wie von 2012 bis 2016 – den Berliner Teddy Award zu moderieren.

Am Ende fragt Johannes Kram stets seine Gäste, welche anderen Gesprächspartner*innen sie am liebsten einmal kennenlernen würden. Schropp schlägt jemanden vor, der noch gar nicht da war: Hape Kerkeling. "Ich würde ihn gerne mal zu diesem Thema sprechen hören", begründet er seinen Wunsch.
Dem kann ich mich nur anschließen.
-- Micha Schulze, queer.de, 18. 7.2021

Seyran Ates über queere Muslim*innen und eine sexuelle Revolution im Islam

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Seyran Ateş spricht über über die von ihr gegründete queerfreundliche Moschee, die Bekämpfung des "politischen Islam", ständige Morddrohungen und ihren Frust über Linke und Liberale.

Seyran Ateş haben wir es zu verdanken, dass seit gut einem Monat queere Muslim*innen auf Postern im gesamten Berliner Stadtgebiet Gesicht zeigen. "Liebe ist halal" heißt die geniale Kampagne der von ihr gegründeten Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, von der sich christliche Gemeinden eine dicke Scheibe abschneiden können. Werben katholische Kirchen für Homo-Akzeptanz, sehen wir meist nur treue Zweierpaare, denen zum Lebensglück nur der Segen des Pfarrers fehlt. Die Poster von Ateş sind dagegen nicht nur viel näher dran an der Vielfalt queeren Lebens, sondern gehen direkt ans Eingemachte, in dem sie Sexualität nicht ausklammern. "Ich bin Muslim, gläubig und habe trotzdem Sex. Mit Männern", sagt der 23-jährige Tugay auf einem Motiv.

Die sexuelle Revolution des Islam – das ist das Lebensziel von Seyran Ateş. Trotz jahrelanger Anfeindungen, ständiger Morddrohungen und vieler Enttäuschungen brennt die bisexuelle Rechtsanwältin und Imamin weiterhin, ja vielleicht gerade deshalb, für die Idee eines zeitgemäßen, liberalen, geschlechtergerechten und queerfreundlichen Islam. Auch im neuen QUEERKRAM-Podcast: Mit Johannes Kram spricht die 58-Jährige eine Stunde lang engagiert über ihre Motivation, die kleinen Erfolge, ihren Kampf gegen den "politischen Islam" und die vielen Widerstände, die nicht nur von orthodoxen Muslim*innen kommen.

Gleich zu Beginn des Podcasts schimpft Ateş auf den rot-rot-grünen Berliner Senat, von dem sie zu wenig Unterstützung erhalte. "Nach vier Jahren kann ich sagen, dass wir hier in dieser Stadt nicht so gern gesehen sind", sagt sie über ihre 2017 gegründete Moschee, in der alle Geschlechter gemeinsam in einem Raum beten. Ausgerechnet Linke, Liberale und Feministinnen würden ihr vorwerfen, konservative Muslim*innen zu überfordern. "Sie fallen uns in den Rücken, in dem sie uns diffamieren", empört sich Ateş. "Mit denselben Argumenten wie die Muslimbrüder."

Die heftigen Attacken der streitbaren Aktivistin verstören zunächst beim Hören des Podcasts. Sie wirken anfangs überzogen, zu sehr scheint sich die selbstgerechte Moscheegründerin in der Opferrolle zu gefallen. Und doch gelingt es ihr, das Gespräch nach und nach mit Argumenten herumzureißen und Verständnis für ihren Frust zu wecken. Immer wieder deckt sie etwa Doppelstandards der Politik im Umgang mit Religionen oder Feinden der Demokratie auf: "Sobald es um Rechtsextreme und AfD geht, ist man sehr klar, mit denen redet man nicht – aber wenn es um muslimische Identitäre geht, dann ist man verhalten."

Auch wenn der orthodoxe Islam viel sichtbarer sei, handele sich bei der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee um keine Sekte, stellt Seyran Ateş empört klar. "Säkulare Muslime sind in Deutschland keine kleine Minderheit", so die Imamin. Ihre Gemeinde sei "für sehr viele Muslime ein dankbares Geschenk". Weltweit gebe es Hunderte liberaler Moscheen.

Ausführlich geht es im Podcast auch um den Kopftuchstreit, das Berliner Neutralitätsgesetz, islamischen Religionsunterricht und, ganz wichtig, Queerfeindlichkeit in migrantischen Communitys. Am Ende zieht Seyran Ateş eine vorsichtig optimistische Bilanz zur sexuellen Revolution im Islam: "Es gibt negative Entwicklungen, aber ich kann eher sagen, dass es sich verbessert." Bewegungen wie die ihre hätten "immer klein angefangen".

An Ideen mangelt es Ateş übrigens nicht. Als nächstes wolle sie eine eigene Universität gründen, verrät sie im Gespräch mit Johannes Kram. Und auf der Turmstraße in Berlin-Moabit soll es demnächst unter dem Motto "Liebe ist halal" ein queeres muslimisches Straßenfest mit kleiner Parade geben.

- Micha Schulze auf queer.de, 13. Juni 2021

Benjamin Gutsche und Nataly Kudiabor über "All you need" und Vielfalt in Film und TV

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Regisseur Benjamin Gutsche und Produzentin Nataly Kudiabor sprechen über das Casting der ersten queeren ARD-Serie, Vielfalt in Film und TV, das Ende des linearen Fernsehens.

Das Medienecho zur ersten queeren ARD-Serie war enorm, und Das Erste bewirbt die in der Mediathek versteckte schwule Dramedy immerhin linear zur besten Sendezeit. Autor und Regisseur Benjamin Gutsche und Produzentin Nataly Kudiabor von der UFA Fiction können also recht zufrieden sein, oder?

Im neuen QUEERKRAM-Podcast hat Johannes Kram die Beiden im Doppelpack zu Gast, um über die Serie als "Pilotprojekt" und über Queerfeindlichkeit und Rassismus im deutschen Fernsehen insgesamt zu sprechen. Ihm sei die "wahnsinnige Verantwortung" früh bewusst gewesen, für die ARD eine Serie mit vier schwulen Hauptfiguren, darunter der Schwarze Vince und der Deutsch-Iraner Levo, zu schreiben, erzählt Gutsche, der selbst ein weißer schwuler Mann ist. Er habe geahnt: "Alle aus der queeren Szene werden ihre Erwartungen, ihre Erfahrungen auf unser Projekt projizieren." Bewusst habe er deshalb auch Rassismus und Homophobie in die Story eingebaut. "Unser Anspruch war, unterhaltend zu sein und noch eine Message mitzugeben", ergänzt Produzentin Nataly Kudiabor, eine schwarze nicht-queere Frau.

Die größte Überraschung – und häufige Kritik – an der Serie ist, dass ausgerechnet vier heterosexuelle Männer die vier schwulen Hauptrollen spielen. Geplant war das nicht, sagen Gutsche und Kudiabor etwas kleinlaut im Podcast. Castingagenturen hätten die – vor #ActOut gestellte – Anfrage nach schwulen Schauspielern nicht beantworten können. Im kurzen Auswahlprozess hätten sich zwar Kandidaten emotional geoutet, so der Regisseur. "Es ist aber nicht der einzige Aspekt, der wichtig ist im Casting-Prozess, dass die sexuelle Orientierung stimmt."

Im Gespräch mit Johannes Kram verraten Gutsche und Kudiabor neue Details, wie die Serie entstanden ist, was sie bei der Produktion voneinander gelernt haben und was sie in der bereits beauftragten zweiten Staffel alles anders machen wollen.

Das größere Thema, das alle drei bewegt, ist die Frage, warum das deutsche Fernsehen noch immer nicht die gesellschaftliche Vielfalt abbildet und rassistische Klischees reproduziert. "Immer wieder haben Leute über Sachen geschrieben, über die sie keine Ahnung haben", analysiert die Produzentin. Damit sich was ändert, müssten Menschen aus marginalisierten Gruppen in Entscheidungs-Positionen kommen – notfalls mit Hilfe von Quoten. Benjamin Gutsche gibt sich selbstkritisch und fordert Minderheiten auf, ihre Sichtbarkeit aktiver einzufordern: "Ich bin Teil des Problems gewesen. Ich habe nie dafür gesorgt, dass mehr geht."

Die beiden Podcastgäste würdigen die Verdienste von #ActOut und kritisieren dabei "FAZ"-Feuilletonchefin Sandra Kegel, die sich über das Manifest der queeren Schauspieler*innen lustig machte. Insgesamt sehen sie einen langsamen Wandel zu mehr Vielfalt, sprechen von "Bewegung" und "Umbruch", und doch setzen sie ihre Hoffnung nicht mehr auf das lineare Fernsehen. Sie finden es deshalb auch gar nicht schlimm, dass "All you need" als erstes großes Projekt der ARD exklusiv für die Mediathek produziert wurde. "Die ARD investiert in non-linear, weil das die Zukunft ist", sagt Nataly Kudiabor. "Sehgewohnheiten haben sich verändert", meint auch Benjamin Gutsche. "Wer richtet denn noch seine Tagesgewohnheiten nach dem Fernsehen aus?"

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Micha Schulze, queer.de 15. Mai 2021

Sigrid Grajek über queer in den 1920ern, Wolfgang Thierse und die Lust auf Kneipe nach Corona

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Die Berliner Künstlerin Sigrid Grajek spricht über queere Selbstdefinitionen und Generationenkonflikte, die Aktion #Allesdichtmachen, natürlich Claire Waldoff und was wir von den 1920er Jahren lernen können.
Wer Sigrid Grajek einmal live erlebt, wird sofort ein Fan. Ihre Interpretationen von Liedern der 1920er Jahre sind eine absolut mitreißende und hochemotionale Zeitreise. Wenn die lesbische Berliner Künstlerin, Jahrgang 1963, die großen Weimarer Hymnen schmettert, tobt die queere Szenekneipe ebenso wie das Hohenschönhausener Senior*innenheim.

Das Coronavirus macht ihren Auftritten seit über einem Jahr einen Strich durch die Rechnung, aber so hatte Grajek immerhin Zeit für ein längeres Gespräch mit Johannes Kram. Von einem "Berufsverbot", wie es andere Künstler*innen nennen, will die Sängerin, Kabarettistin und Schauspielerin im neuen QUEERKRAM-Podcast allerdings nichts wissen. "Ich sitze lieber noch ein Jahr zu Hause, als dass ich einen Menschen gefährde", verteidigt sie die Kontaktverbote. Hin und wieder gebe sie Wohnzimmerkonzerte via Zoom. Die Aktion #Allesdichtmachen erklären Grajek und Kram auch mit der "narzisstischen Kränkung" einiger auftrittsverwöhnter Künstler*innen in der Pandemie.
Die Sängerin, die mit ihrem Claire-Waldoff-Programm fast 500 Mal auf der Bühne stand, wird im Podcast sehr persönlich. Sie berichtet von ihrem dramatischen Coming-out in Lünen, das dazu führte, dass sie mit 16 Jahren ihre geschockte Mutter verließ, die Schule abbrach und in ein besetztes Haus in Dortmund zog. Den Begriff "Lesbe" habe sie sich damals erst erarbeiten müssen. "Ich komme aus einem katholischen Elternhaus, da gab es das Wort nicht."

Heute sei ihre Mutter ihr größter Fan und widerspreche jeder queerfeindlichen Äußerung, berichtet Grajek. Verständnis brauche Zeit. Überhaupt gibt sich die Künstlerin sehr gelassen, egal ob es um Generationenkonflikte oder den Streit um Selbstdefinitionen geht. Zu Wolfgang Thierses Attacken gegen "linke Identitätspolitik" meint sie nur: "Die Revolutionäre von gestern sind die Konservativen von heute. Das war schon immer so."
Dass lesbische Identitäten in der jungen queeren Generation eine geringere Rolle spielen, findet Grajek nicht schlimm. "Ich habe als junge Lesbe für meine Zukunft, wie ich sie mir vorgestellt habe, gekämpft und bin damit angeeckt bei der damaligen Mehrheitsgesellschaft." Nun gestalteten viele junge Menschen "mit komplett anderen Begriffen" ihre Zukunft. "An mancher Stelle geht es einfach darum, denen das Feld zu überlassen", rät Grajek. Jede sei sie nun mal ein Kind ihrer Zeit: "Wenn ich heute 17 wär', dann wäre ich vielleicht nonbinär."

Immer wieder kommen Johannes Kram und Sigrid Grajek im Podcast auf die 1920er-Jahre zu sprechen, auf die große queere Freiheit nach dem Ersten Weltkrieg in Berlin, als es weitaus mehr Szenekneipen gab als heute und bereits dieselben Debatten über Anderssein und "Normalität" geführt wurden. Was wir aus dieser Zeit lernen können, fragt Kram am Ende des Gesprächs. Grajeks Antwort: "Wir können auf jeden Fall lernen, dass das Leben weitergeht."
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Micha Schulze auf queer.de, 9. Mai 2021
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Jens Brandenburg über das neue queere Profil der FDP und Aufzugfahren mit Alice Weidel

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FDP-Politiker Jens Brandenburg spricht über Queerpolitik im Bundestag, seinen Kampf für die "Familie für alle" und wie es ist, Alice Weidel im Fahrstuhl zu treffen.
Am 11. Oktober 2018 sorgt Jens Brandenburg für einen Gänsehautmoment im Deutschen Bundestag. Der FDP-Politiker, der erst seit 2017 im Parlament sitzt, spricht zu einem Antrag der AfD, die Ehe für alle wieder abzuschaffen, und wird am Ende sehr persönlich: "Seit 15 Jahren lebe ich einer sehr glücklichen Partnerschaft mit meinem Mann, und keine einzige Sekunde davon möchte ich missen", sagt Brandenburg. "Dieses Glück, diese Liebe und auch diese Lebensfreude werden wir uns durch Ihren Hass und Ihre Kaltherzigkeit nicht nehmen lassen. Die Ehe für alle bleibt". Für seine Rede erhält er langen Beifall von allen demokratischen Fraktionen.

Aus seiner Homosexualität hat der 35-jährige FDP-Politiker nie ein Geheimnis gemacht, queer.de-Leser*innen wissen seit langem Bescheid, und doch markierte seine starke Rede vor zweieinhalb Jahren im Plenum eine Art öffentliches Coming-out. Im QUEERKRAM-Podcast von Johannes Kram spricht Brandenburg erstmals über die Vorbereitung, die eigenen Zweifel und die anschließenden Reaktionen.

Die Politiker der Liberalen hat sich das gut einstündige Gespräch redlich verdient. Jens Brandenburg mag vielleicht nicht mit besonders viel Charisma gesegnet sein, doch neben Ulle Schauws und Sven Lehmann von den Grünen ist er der mit Abstand fleißigste und kompetenteste Queerpolitiker im Parlament. Der frühere Ehrenamtler beim Schulaufklärungsprojekt SCHLAU nimmt seinen Job nicht nur ernst, er brennt auch für die Themen, gibt der FDP ein glaubwürdiges queeres Gesicht.

Seine Partei verteidigt er im Podcast selbstbewusst. Muffige Attacken auf sogenannte Identitätspolitik wie in der SPD seien in der FDP nicht zu befürchten, meint Brandenburg. "Selbstbestimmung und Freiheitsrechte stecken in unserer DNA." Die gesamte Fraktion hätte ihn auch bei den starken Angriffen auf seinen Entwurf eines transfreundlichen Selbstbestimmungsgesetzes in Schutz genommen.

Mit seinem Vorstoß, die nichtkommerzielle Leihmutterschaft zu legalisieren, betritt der FDP-Politiker nicht nur queerpolitisches Neuland, sondern treibt auch die anderen Parteien vor sich her. "Auch die Grünen könnten noch LGBT-freundlicher werden", sagt er im Podcast – und prägt ein neues Schlagwort. Nach der Ehe für alle fordert er die "Familie für alle".

Im Gespräch mit Johannes Kram erzählt Jens Brandenburg wenig Privates, plaudert als Profipolitiker aber zumindest aus dem Nähkästchen. Was bei den Frühstücksrunden mit allen queerpolitischen Sprecher*innen vereinbart wird und wie er sich verhält, wenn er Alice Weidel im Fahrstuhl trifft. Warum Guido Westerwelle für ihn ein Vorbild war und welche Regierungskoalition er sich nach der Bundestagswahl wünscht.

Energisch plädiert Jens Brandenburg im Podcast für mehr Solidarität in der queeren Community – und für mehr Engagement. "Es reicht halt nicht nur zu feiern, wir haben auch in diesem Jahrzehnt viele wichtige queerpolitische Themen, für die wir kämpfen müssen". Sätze, die man aus der FDP früher eher selten gehört hat…

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Micha Schulze auf queer.de, 27.03.2021

Über diesen Podcast

Mit Johannes Kram vom Nollendorfblog und queer.de haben sich zwei wichtige queere Stimmen Deutschlands zusammengeschlossen, um spannende Menschen (nicht nur) aus der Community vorzustellen und mit ihnen intensiv und sehr persönlich über drängende Themen wie Homophobie, Queerfeindlichkeit, queere Sichtbarkeit oder die Situation von LGBTI* Gesellschaft, Kultur und Medien zu sprechen. Kein anderer ist dafür als Interviewpartner besser geeignet als Johannes Kram, der mit seinem Blog und seinem Buch 'Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber…' den Finger immer wieder tief in die Wunde legt und es gleichzeitig schafft, ein neues Wir-Gefühl in der Community zu schaffen.
(queer.de vom 27.02.2020)
*deutsch für Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transsexuell/Transgender und Intersexuell

QUEERKRAM wurde im Januar 2021 von Apple als einer der zehn besten neuen Podcasts 2020 ausgezeichnet. Juni 2021 wurde der Podcast mit dem Grimme Online Award in der Kategorie "Kultur und Unterhaltung" prämiert.

Redaktion und Gesamtverantwortung: Johannes Kram
Ton & Technik: Sebastian Pagel

von und mit Johannes Kram präsentiert von queer.de

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